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Publiziert in Politik

Selbstinszenierung statt Trauerbekundung

Begehrte Plätze in der ersten Reihe des Pariser Gedenkmarschs

Freitag, 16 Januar 2015 15:38 geschrieben von 
Die Gendarmerie überwacht das Redaktionsgebäude von Charlie Hebdo Die Gendarmerie überwacht das Redaktionsgebäude von Charlie Hebdo Quelle: de.wikipedia.org | CC BY-SA 3.0

Paris - Als am Sonntag rund 1,5 Millionen Menschen als Solidaritätsbekundung für die Opfer des Pariser Attentats durch die Straßen von Paris zogen, gingen Bilder durch die Presse, die Spitzenpolitiker aus der ganzen Welt an der Spitze der kilometerlangen Menschenmenge zeigten. Eine inszenierte Veranstaltung wie sich herausstellte, denn die Protagonisten zogen stattdessen isoliert und streng bewacht durch eine Nebenstraße. In der ersten Reihe kam es zudem zu einigem Gerangel, weil einige Politiker sich symbolträchtig in Szene setzen wollten um die Sympathien ihrer Wähler zu gewinnen - stattdessen ernten sie nun Spott.

Die Täuschung über den Gedenkmarsch der Staats- und Regierungschefs allein genommen, ist schon traurig genug, zeigt diese in deutlichsten Bildern doch die Kluft auf, die zwischen den politischen Eliten und den Bürgern existiert. Was auch immer die hochrangigen Politiker auch damit bezwecken wollten, ihrer Glaubwürdigkeit haben sie mit dem Abschreiten der dreihundert Meter im Boulevard Voltaire, unweit des sich am Place de la Republique sammelnden Fußvolkes, keinen Gefallen getan. Die unüberschaubaren Sicherheitsrisiken seien schuld gewesen, hieß es. Das Risiko wäre nicht tragbar gewesen für die französische Polizei. Gewiss kann man diesen Punkt nachvollziehen, unverständlich bleibt jedoch, wozu dann überhaupt der Anschein vermittelt werden sollte, Politiker aus aller Welt liefen quasi Hand in Hand mit den Bürgern von Paris? "Wenn sich Politiker vor eine Kamera stellen, ist das immer eine Inszenierung, jede Pressekonferenz ist eine Inszenierung", erklärte der Chefredakteur der "Tagesschau", Dr. Kai Gniffke.

In diesem Falle überließen die Staatsoberhäupter das Risiko eines Anschlages dann doch lieber dem französischen Volk in der Nachbarstraße und eilten flugs in ihre gepanzerten Luxuskarosserien zurück, nachdem sie der ausgewählten Presse gezeigt hatte, wie sie dem islamischen Terror die Stirn bieten und Gesicht zeigten gegen den Terrorismus unserer Zeit.

Das mit dem Gesicht zeigen hatten einige der Anwesenden auch etwas zu wörtlich genommen, so dass es zu einigen Rangeleien im Kampf um einen Platz in der ersten Reihe kam. In der Hoffnung auf gute Bilder lud sich etwa der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zunächst selbst zum Gedenkmarsch ein - angeblich gegen den Willen von Frankreichs Präsidenten Francois Hollande. Dort angekommen bahnte er sich forsch einen Weg in die erste Reihe der trauernd marschierenden Politiker. Ein Händeschütteln mit Malis Präsidenten nutzte er geschickt um sich in die erste Reihe, nahe des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas zu positionieren.

In Israel wird Netanjahu mit reichlich Spott bedacht. "Das sind doch dermaßen wir selber, dass ich versucht bin auszurufen: Je suis Bibi!", schreibt etwa der Kolumnist Jossi Verter. "Die Warteschlange missachten, am Buseinstieg drängeln und mit Ellbogeneinsatz nach vorn kommen, das ist dermaßen israelisch", erklärte der Journalist süffisant. Die Jugendorganisation der israelischen Arbeitspartei stellte das Internetspiel "Pusch den Bibi" ins Netz, in dem man Netanjahu von der letzten in die erste Reihe mogeln kann. Wie lange man dafür braucht, ist unerheblich: "Wenn Bibi gewinnt, verlieren alle anderen."

Ähnlich ergeht es derzeit auch Frankreichs ehemaligem Präsidenten Nicolas Sarkozy: dieser hatte sich aus den hinteren Reihen bis fast neben seinen Nachfolger Hollande gedrängelt. Ob er extrahohe Schuhe zu diesem Anlass trug, oder die ganze Zeit auf Zehenspitzen stehend verbrachte, ist nicht bekannt. Die Menschen würdigen Sarkozy Selbstdarstellungsbedürfnis nun in Form des Hashtags #JeSuisNico. Der ehemalige Staatschef wurde in liebevoller Handarbeit in zahlreiche berühmte Fotos kopiert. Der konservative Politiker findet sich nun neben Francois Mitterrand und Helmut Kohl beim Gedenken der Opfer des Zweiten Weltkriegs 1984 in Verdun, landet auf dem Mond, läuft mit den Beatles über Zebrastreifen, ist beim Fall der Berliner Mauer anwesend und selbst im Zeichentrickfilm "Der König der Löwen" erhielt er eine Rolle.

Im Gegensatz zu den beiden oben genannten Herren kann man Angela Merkel (CDU), abgesehen davon, dass auch sie Teil dieser Täuschungsveranstaltung war, nicht vorwerfen, dass sie Mitschuld hatte am nächsten Fall der versuchten Medienmanipulation, der im Zusammenhang mit dieser äußerst bedenklichen Imageveranstaltung geschah. Die ultrakonservative israelische Zeitung Hamodia entfernte alle Frauen aus dem Bild. Neben der ursprünglich neben Hollande positionierten Bundeskanzlerin, wurden auch die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini und die Schweizer Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga entfernt.

Letzte Änderung am Samstag, 17 Januar 2015 16:20
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