winzerin-vom-rhein.de

Publiziert in Politik

Männlich, berufstätig und unzufrieden mit der Politik

TU Dresden erstellt Studie über typische Merkmale eines PEGIDA-Teilnehmers

Donnerstag, 15 Januar 2015 20:42 geschrieben von 
TU Dresden erstellt Studie über typische Merkmale eines PEGIDA-Teilnehmers Quelle: pegida.de

Dresden - Eine unter Teilnehmern der PEGIDA-Demonstrationen vorgenommene Studie des Politikwissenschaftler Hans Vorländer zeigt typische Merkmale des PEGIDA-Sympathisanten. Dieser sei 48 Jahre alt, männlich, gut ausgebildet, berufstätig mit einem leicht überdurchschnittlichen Nettoeinkommen, partei- und konfessionslos.

Die am Mittwoch an der TU Dresden vorgestellte Studie, die durch Befragungen von rund vierhundert Demonstranten auf insgesamt drei Veranstaltungen zustande kam, zeigte außerdem, dass siebzig Prozent der patriotischen Europäer berufstätig sind: darunter drei Prozent verbeamtet und zwanzig Prozent Selbstständige. Hinzu kämen 18 Prozent Rentner und neun Prozent Studenten. Drei von vier Protestlern seien männlich, 73 Prozent seien konfessionslos und 62 Prozent gehörten keiner Partei an. Jeder Vierte habe einen christlichen Hintergrund: 21 Prozent Protestanten und vier Prozent Katholiken spazierten montags mit. Nur 36 Prozent der Teilnehmer gaben Dresden als ihren Wohnsitz an, 38 Prozent waren aus dem übrigen Sachsen angereist, neun Prozent seien Ostdeutsche und sechs Prozent Westdeutsche. Wie Vorländer erklärte, lehnten jedoch 65 Prozent der PEGIDA-Teilnehmer, die am 22. Dezember 2014, sowie am 5. und 12. Januar diesen Jahres angesprochen worden waren, die Befragung ab. "Solche Quoten sind in der empirischen Sozialforschung normal", erklärte der Politikprofessor. Die Aussagekraft seiner Studie schmälern die Verweigerer nicht, einen "Effekt der Verzerrung" schloss er aus.

Die Menschen treibt, so das Ergebnis der wissenschaftlichen Umfrage, vor allem "Unzufriedenheit mit der Politik" auf die Straße. Ein Viertel der Teilnehmer empfinde demnach eine allgemeine Distanz zwischen Volk und Politikern, zwanzig Prozent sind unzufrieden mit der Asylpolitik, achtzehn Prozent mit dem politischen System der Bundesrepublik und fünfzehn Prozent seien unzufrieden mit der Politik im Allgemeinen sowie mit der Zuwanderungs- und Integrationspolitik. Der zweithäufigste Grund zur Teilnahme an den Montagsdemonstrationen sei die Kritik an den Medien und der Öffentlichkeit. 46 Prozent der Demonstranten werfen den Medien einseitige sowie Tendenzberichterstattung vor, 39 Prozent empfinden die Berichterstattung über PEGIDA diffamierend, fünfzehn Prozent kritisierten "Sprechverbote im gesellschaftlichen Diskurs". Erst an dritter Stelle stehen dann die Ängste vor einer Islamisierung unseres Landes - nur auf ein Viertel der Teilnehmer treffen also die wiederholt von Vertretern der Parteien geäußerten Vorwürfe der Ausländer- und Islamfeindlichkeit zu, so der Studienleiter. 42 Prozent der Befragten gaben zwar an, Vorbehalte gegen Muslime oder dem Islam zu haben und zwanzig Prozent hätten Angst vor hoher Kriminalität durch Asylbewerber, der Hauptgrund, der sie auf die Straße treibt, sei dies jedoch nicht - eher einer von vielen. "Damit handelt es sich keinesfalls um eine Bewegung Rechtsextremer, Rentner oder frustrierter Arbeitsloser, wie oft behauptet wird", sagte der Forschungsleiter.

Vorländer sprach von "einer tiefen Kluft", die wahrgenommen würde zwischen Massenmedien, der veröffentlichten Meinung und der etablierten Politik einerseits und den Problemen des Bürgers und dem "Willen des Volkes" auf der gegenüberliegenden Seite. Er schlussfolgerte, dem Großteil der Teilnehmer ermögliche PEGIDA, "tief empfundene, bisher nichtöffentlich artikulierte Ressentiments gegenüber politischer und meinungsbildender Elite zum Ausdruck zu bringen". Laut dem Politikwissenschaftler werde die Gegenüberstellung von "Die da oben" und "Wir hier unten" in Kombination mit fremdenfeindlichen Einstellungen traditionell zum rhetorischen Arsenal rechtspopulistischer Strömungen gerechnet. Offen sei die Frage, ob es sich bei PEGIDA um eine temporäre Erscheinung handele oder diese zur dauerhaften Bewegung auswachsen werde.

Die sächsische Landesregierung unter CDU-Ministerpräsident Stanislaw Tillich scheint derzeit unentschlossen zu sein, ob man den PEGIDA-Organisatoren um Lutz Bachmann und Kathrin Oertel nun nicht vielleicht doch ein Gesprächsangebot unterbreiten sollte. Innenminister Markus Ulbig (CDU) erklärte, er wolle mit jedem sprechen, der dialogbereit sei. Dabei schloss er nun erstmals auch die "Verantwortlichen" nicht mehr aus. Er sei bereit, in den Dialog einzutreten. Über dieses Angebot habe sich PEGIDA-Organisatorin Oertel erfreut gezeigt: "Wir nehmen ihm seine Beleidigung von uns Organisatoren als Rattenfänger nicht mehr übel. Sie ist sicher seiner Voreingenommenheit uns gegenüber geschuldet gewesen. Wir erwarten gern einen zeitnahen Vorschlag für ein Treffen." Bisher sei jedoch keine terminierte Einladung bei den Veranstaltern eingetroffen. Weiterhin versucht die sächsische Landesregierung offenbar die Dialogangebote mit ihren Bürgern zu erhöhen: mit Hilfe von Bürgerveranstaltungen, zu denen bis zu dreihundert besorgte Bürger mit sächsischen Ministern über ihre Sorgen und Nöte sprechen könnten.

Letzte Änderung am Donnerstag, 15 Januar 2015 20:47
Artikel bewerten
(5 Stimmen)
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten