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Publiziert in Verbraucherschutz

"Quengelfreie Kassen"

Regierung will süße Verführung an Supermarktkassen eindämmen

Donnerstag, 15 Januar 2015 20:29 geschrieben von 
Supermarkt Supermarkt

Mainz - Zukünftig sollen Kinder an den Supermarktkassen nicht mehr mit massenhaft Süßigkeiten gelockt werden dürfen. SPD und CDU wollen mehr "quengelfreie" Kassen einführen.

Das geht aus einem Antrag der schwarz-roten Koalition anlässlich der Agrarmesse "Grüne Woche", die vom 16. bis 25. Januar stattfindet, hervor. Der Bundestag werde über diesen am Donnerstag beraten.

Gitta Connemann (CDU), die Vorsitzende des Ernährungsausschusses, erklärte: "Süßigkeiten gehören dazu - aber nicht als Lockmittel in der Warteschlange." Vor allem die Süßigkeiten an der Kasse wären so ausgewählt, dass sie für Kinder besonders attraktiv seien und sie dazu animierten bei ihren Eltern darum zu betteln. In einigen Supermärkten gebe es bereits süßwarenfreie, elternfreundliche Kassen, an denen statt der begehrten Süßwaren, etwa Batterien oder Einkaufsgutscheine platziert seien. Connemann erklärte, diese Familienkassen sollten zum Standardangebot erhoben werden.

Die in Griffhöhe der Kinder platzierte sogenannte "Impulsware" bedeutet für die Märkte ein lukratives Geschäft: obwohl der Kassenbereich nur rund ein Prozent der Ladenfläche einnimmt, liegt der Umsatzanteil in Supermärkten bei sechs bis sieben Prozent, in Warenhäusern bei drei Prozent. "Die Umsatz- und Ertragszahlen sind sehr hoch", erklärte der Experte des Kölner EHI Retail Instituts Marco Atzberger. Laut einer Untersuchung des Instituts machten Süßigkeiten den größten Anteil der Waren an den Kassen aus.

Für Silke Schwartau, Ernährungs- und Handelsexpertin von der Hamburger Verbraucherzentrale, ist die "Quengelzone Kasse" ein Ärgernis, das baldmöglichst abgeschafft gehört. "Was sich dort abspielt, ist Stress pur für alle Beteiligten. Viele Händler sorgen sogar noch mit speziellen, schräg angeordneten Regalen dafür, dass den Kindern die Süßigkeiten förmlich entgegenkommen." Man nenne dies im Branchenjargon auch "Wasserfallprodukte": "Wenn einmal ein Kaugummi aus solch einem Regal herausgenommen wird, ist es nur schwer möglich, es wieder hineinzulegen, weil die nächsten Artikel quasi automatisch nachrutschen."

Die Verbraucherorganisation Foodwatch kritisierte das Überangebot an Süßigkeiten ebenso. Dieses sei mitverantwortlich für das Übergewicht vieler Kinder in Deutschland. Foodwatch startete deshalb in der Vergangenheit diverse Aktionen, unter anderem versuchten sie den Discounter Lidl durch eine E-Mail-Aktion zu überreden, die Süßigkeiten gänzlich von den Kassen zu verbannen.

Einige bekannte Ketten bieten familienfreundliche Kassen schon länger an. So gebe es etwa bei real und Kaufland schon seit Jahren in jedem Markt eine extra gekennzeichnete süßwarenfreie Kasse, wie der Hamburger Kaufland-Filialleiter Rolf Töpelmann erklärte. "Diese Kasse wird von Eltern mit kleinen Kindern besonders gern benutzt. Konflikte werden so schon von vornherein vermieden. Das ist einfach ein zusätzlicher Service für unsere Kunden." Die Umsätze an diesen Kassen seien trotz des Süßigkeitenverzichts nicht geringer als an den anderen Kassen, erklärte er.

Weil Impulse für eine gesunde Ernährung bei Kindern wichtig seien, um Übergewicht und andere Risiken zu vermeiden, will die Regierung gemeinsam mit den Ländern auch darauf hinwirken, dass an Kindertagesstätten und Grundschulen zukünftig "keine Süßigkeiten, Knabberzeug, Fast-Food und Softdrinks beworben werden". Auch die Erarbeitung einer Strategie für die Reduzierung von Zucker, Fett und Salz in Fertigprodukten solle laut dem Antrag erarbeitet werden. Außerdem wolle die Koalition mehr kleine Verpackungen fördern, um Lebensmittelabfälle künftig zu reduzieren. Gerade Partnerlosen und allein lebenden älteren Deutschen könne man damit Rechnung tragen.

Letzte Änderung am Donnerstag, 15 Januar 2015 20:42
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Stephan Weber

Stephan Weber (Jahrgang 1988) ist Herausgeber der WINZERIN VOM RHEIN und lebt in Heidelberg.

Er ist politisch engagiert und beobachtet das Zeitgeschehen vor allem in den Bundesländern Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.

Webseite: www.winzerin-vom-rhein.de/show/author/46-stephan-weber.html
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