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Publiziert in Verbraucherschutz

Pestizidbelastung

Unkrautvernichter in Muttermilch nachgewiesen

Sonntag, 28 Juni 2015 15:21 geschrieben von 

Ludwigshafen - Bei einem Test im Auftrag der Grünen wurden in allen 16 Stichproben Rückstände des stark umstrittenen Pflanzengifts Glyphosat in der Muttermilch nachgewiesen. Die Höhe der gemessenen Rückstände war dabei erschreckend hoch: So lagen die Glyphosatmengen bei 0,210 bis 0,432 Nanogramm pro Milliliter Milch – dabei sind für das Trinkwasser nur Rückstände bis 0,1 Nanogramm zulässig. Den Angaben zufolge fanden sich auch im Urin der Mütter hohe Rückstände. Die stichprobenartig ausgewählten Frauen lebten in verschiedenen Bundesländern und hatten keinen direkten Kontakt mit Glyphosat, wie es bei Landwirten etwa der Fall sein könnte.

Die Grünen warnen nun vor möglichen Gesundheitsrisiken durch das stark umstrittene Pestizid. Sie verweisen unter anderem auch auf die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die das Mittel erst im März als „wahrscheinlich krebserregend“ einstufte. Kurz zuvor noch hatte es aus dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) geheißen, man habe keine krebserregende Wirkung bei Glyphosat feststellen können. Auch könne man eine Schädlichkeit auf die Fortpflanzung oder für das Ungeborene im Mutterleib nicht nachweisen. Der Verdacht kam auf, weil in den Regionen Lateinamerikas, in denen der Anbau glyphosatresistenter Pflanzen großflächig erfolgt, zu einer massiv erhöhten Fehlgeburtenrate und einem gehäuften Auftreten von Fehlbildungen bei Neugeborenen sowie vermehrten Krebserkrankungen beobachtet worden ist.

„Ich hätte nicht mit solch hohen Rückstandswerten in der Muttermilch gerechnet, da Glyphosat stark wasser- und fettlöslich ist“, erklärte Irene Witte, ehemalige Professorin am Institut für Biologie und Umweltwissenschaften der Universität Oldenburg. Sechzehn Proben seien freilich zu wenig, um endgültige Schlüsse zu ziehen, als erster Hinweis sei das Ergebnis dennoch erschreckend. Die Untersuchungen müssten nun dringend auf eine größere Zahl stillender Mütter ausgeweitet werden. Dabei empfiehlt Witte auch die Ernährungsgewohnheiten der Frauen näher zu betrachten.

„Die Ergebnisse zeigen vor allem eines: Glyphosat ist allgegenwärtig“, mahnt der Sprecher der Grünen für Gentechnik- und Bioökonomiepolitik im Bundestag, Harald Ebner. Die Bundesregierung sollte die Zulassung von Glyphosat aussetzen bis „die Gesundheitsrisiken dieses Giftes klar geklärt“ sind.

Die Wirkweise von Glyphosat, das unter anderem als Roundup von der Firma Monsanto seit den Siebziger Jahren verkauft wird, basiert auf der Blockade eines Enzyms, welches die Proteinsynthese in Pflanzen katalysiert. Alle Pflanzen, die zuvor nicht gentechnisch so verändert wurden, dass sie den Einsatz des Herbizids überleben, gehen nach Kontakt damit ein. Glyphosat ist trotz seiner umstrittenen Wirkung das weltweit am häufigsten genutzte Pflanzengift. Allein in Deutschland wird es auf dreißig bis vierzig Prozent der Felder zur Unkrautvernichtung eingesetzt. Gegen Endes dieses Jahres endet die Genehmigung der EU, dann muss der Wirkstoff für eine Verlängerung erneut geprüft werden. Ursprünglich sollte Glyphosat bereits 2012 geprüft werden, weil die Zulassung nach zehn Jahren auslief. Um der Industrie Zeit zu geben, neuer Studien gemäß des Standards der EU zu erstellen, wurde die Prüfung der Zulassung um drei Jahre nach hinten verschoben. Im Jahr 2002 erfolgte die Erstzulassung ausschließlich auf der sogenannten „grauen Liste“, also auf Daten, die ausschließlich von der Industrie geliefert worden waren. „Graue Literatur“ ist mittlerweile für die Bewertung von Pestiziden nicht mehr zulässig, weil sie häufig nicht den „peer-review“-Prozess, also einer anonymen Begutachtung der Fakten durch andere Wissenschaftler, durchlaufen.

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Stephan Weber

Stephan Weber (Jahrgang 1988) ist Herausgeber der WINZERIN VOM RHEIN und lebt in Heidelberg.

Er ist politisch engagiert und beobachtet das Zeitgeschehen vor allem in den Bundesländern Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.

Webseite: www.winzerin-vom-rhein.de/show/author/46-stephan-weber.html
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